06.06, 16:00–16:45 (Europe/Zurich), Aquädukt
Von Baumpflege-Plattformen bis Stadtgewässer-Monitoring: In Leipzig, Stuttgart, Zürich und anderen Städten gestalten Initiativen die Stadt mit Hilfe von digitalen Tools. Diese Infrastrukturen machen urbane Probleme durch veränderte Zugriffs- und Eigentumsverhältnisse neu verhandelbar - und liefern damit wichtige Argumente gegen eine Digitalpolitik, welche die Bedarfe der aktiven Zivilgesellschaft ignoriert.
Nach dem Smart-City-Hype ist vor dem Smart-City-Hype. Als Bündis junger Stadtmacher:innen hat die Urbane Liga im Beirat zum Stufenplan „Smarte Städte und Regionen" erlebt, wie Digitalpolitik auf Bundesebene an den Belangen der Zivilgesellschaft vorbeigeht. Das große Förderprogramm „Modellprojekte Smart City” mit einem Volumen von über 800 Millionen Euro für Kommunen lief letztes Jahr aus, eine Neuauflage ist nicht in Sicht. Doch die Frage, wer digitale Infrastrukturen entwickelt, wem die dabei entstehenden Daten gehören und welche urbanen Realitäten dadurch sichtbar oder unsichtbar werden, bleibt politisch unbearbeitet.
Um diese Debatte im Sinne einer solidarischen und emanzipatorischen Stadtgesellschaft fortzuführen, sind gute Beispiele dafür nötig, wie digitale Technologien lokalen Initiativen helfen können, konkrete Bedarfe und Forderungen durchzusetzen. In unserem Forschungsprojekt “Recht auf Stadt 4.0” dokumentieren wir vier Initiativen, wie sie in den Bereichen urbane Klimaanpassung, Gewässerqualität, Mobilitätsdaten und Wissensinfrastruktur digitale Werkzeuge entwickeln. Die Projekte zeigen dabei konkrete Widersprüche auf: zwischen Open-Data-Gesetzen und faktisch verschlossenen Datensätzen, zwischen ehrenamtlicher Infrastrukturarbeit und fehlender institutioneller Absicherung, zwischen genossenschaftlichen Eigentumsmodellen und einem Beschaffungswesen, das auf privatwirtschaftliche Anbieter ausgerichtet ist. Aus den Erfahrungen dieser Initiativen leiten wir digitalpolitische Forderungen ab.
In unserem Beitrag stellen wir die Befunde zur Diskussion und suchen nach Anschlüssen: Welche konkreten politischen und infrastrukturellen Bedingungen braucht eine digitale Stadtentwicklung, die nicht auf Skalierung und Verwertung, sondern auf kollektive Verfügung und situierte Praxis zielt?
Christian Hörner ist interdisziplinärer Stadtforscher, Aktivist und Technik-Nerd. Am meisten interessieren ihn Fragen rund um Digitalität, Ökologie und soziale Bewegungen. Derzeit forscht er zu zivilgesellschaftlicher Baumpflege und digitalen Plattformen. Ehrenamtlich engagiert er sich für den Verein "Pödelwitz lebt", der am Rande des sächsischen Tagebaus ein Modelldorf für eine solidarische und ökologische Zukunft aufbaut – und lernt dort gerade, wie man Server-Administration, Strukturwandel und Baumpflege zusammen denkt.
Ich komme aus der Sozial- und Kulturanthropologie und Philosophie.Ich komme aus der Sozial- und Kulturanthropologie und Philosophie. Ich arbeite zu Stadt, Raum und digitaler Infrastruktur – meistens dort, wo technische Systeme, politische Ansprüche und gesellschaftliche Interessen nicht zusammenpassen. Methodisch bewege ich mich in der visuellen und öffentlichen Anthropologie: zwischen Mapping, Schreiben und dem Versuch, theoretische Erkenntnisse nicht nur auf die Straße zu bringen, sondern sie auch von dort zu bekommen. Derzeit arbeite ich in der universitären Raumforschung. Wenn ich nicht in den Laptop starre, lese ich zu viel Theorie und zu wenig Belletristik.